Deutschland tanzt in schwarzrotgold, auf eig´nem Boden bis zum Tod.

Die schweigende Mehrheit zergeht in Jubelstürmen…

oder „Aus der Schwärze der Knechtschaft durch blutige Schlachten ans goldene Licht der Freiheit.“?

Immer dann, wenn jemand politisch Radikales vor an einen Pranger gestellt wird, beruft sich dieser allzu oft auf diese scheinbar doch evidente Wahrheit, er spreche doch lediglich aus, was alle denken. Er vertrete doch nur die Meinung all jener Unzähligen, die einfach keine Zeit oder keinen Umstand zu Meinungsäußerung hätten, weil sie den Großteil ihres Lebens damit beschäftigt seien, ein passabler Teil der Gesellschaft zu sein. Und gerade dieses Streben, nämlich erst einmal sein Bestes zu geben um die bestehende Gesellschaftsordnung aufrecht zu erhalten, hindere ihn daran, sich nun mit dieser oder jener Detailfrage öffentlich auseinanderzusetzen. Alle Pflichten, denen er sich ausgesetzt fühlt, erfüllt er ja anständig. Er hat eine Arbeit, die ihn dazu befähigt im geforderten Maße Steuern zu entrichten und darüber hinaus sogar seinen persönlichen Lebensunterhalt so angemessen wie nur möglich zu gestalten. Er fährt 0,71 Autos um pro Kilometer 177 Gramm CO2 auszustoßen und dabei knapp 7 € pro 100 Kilometer Steuern und Abgaben zu zahlen. Er hat 1,6 Kinder, nur um über das alles hinaus auch noch die Zukunft unserer Nation zu erhalten. Und nun soll über das alles hinaus auch noch verlangt werden, dass er nicht nur alle vier Jahre einen Zettel ankreuzt, sondern auch noch die gesamte Zeitspanne dieser Legislaturperiode darüber nachdenkt, ob er das gesetzte Kreuz eigentlich für eine gute Entscheidung hält!

Der Durchschnittsdeutsche scheint zunehmend in einer Form überfordert zu sein, die es ihm schlicht und einfach unmöglich macht, die komplexen Zusammenhänge von Politik, Wirtschaft und der Schnittmenge des Ganzen mit seinem eigenem Leben zu begreifen.

Wer wollte ihm da auch einen Vorwurf machen? Lastet nicht letztendlich schon auf ihm die ganze Nation, in dem er für sie zahlt, in dem er ihre (und damit seine) Repräsentanten wählt und einfach das beste hofft. Wie sollte er auch alles weitere noch durchschauen können?

Der arme Deutsche ist doch so mit dem Erhalt seiner eigenen Art beschäftigt, dass ihm beispielsweise nicht mehr als 3 Minuten Radionachrichten in einer Stunde zuzumuten sind! Er muss doch vielmehr abgelenkt, zerstreut werden von seiner schweren Existenz! Was sollen ihn da die Welt ihre Politik aufwühlen. Er hat ja leider nicht mal Zeit, sich selbst eine Meinung, geschweige denn einen eigenen Geschmack bezüglich Kunst und Kultur zu machen. Zum Glück nimmt ihm das zumindest die große Maschinerie von öffentlich-rechtlichen und privaten Medien ab, sie spielen einfach Musik und Fernsehen für den Massengeschmack, warum sollte man diesem Programm durch leichte Abneigungen denn widersprechen, denn schließlich hat man ja für eben dies gezahlt, oder etwa nicht?

Und falls ihn mal wirklich etwas stören sollte, nun, genau dafür haben wir das Recht auf Meinungsfreiheit! Und das wird schon irgendjemand in Anspruch nehmen, sonst gäbe es das ja gar nicht! Es wird sich immer jemand finden, der mit der Stimme der Stummen spricht, es wird immer einen Sprecher der Dummen geben und das Leben im Großen und Ganzen hat sich ja eh noch nie maßgeblich geändert…

Gibt es denn nicht auch viel wichtigere, naja zumindest interessantere Probleme im Durchschnittsleben? Fußball zum Beispiel? Ein genug komplexes Spiel, das ja auch irgendwie alle betrifft, es wird stundenlang in den Medien besprochen, also wird es schon meinem Geschmack entsprechen! Und ob ein Großevent eines solch großartigen, menschen- und nationenverbindendem Spiel nun in einem mehr oder weniger undemokratischen Staat stattfindet oder nicht hat doch mit dem Sport nichts zu tun! Dafür haben wir doch gewählt! Solange die Fans dort Zugang zu einer kulturellen Errungenschaft wie Fußball und darüber hinaus auch noch an freie Kapitalmärkte angeschlossen sind ist doch alles in Ordnung.

Europa brennt!

Um uns herum brennt die ganze Welt, Europa brennt und ja selbst das träge und satte Deustschland fängt langsam Feuer… Doch leider handelt es sich hier nicht um ein Freudenfeuer, was ja Grund zur Freude wäre, nein, dieses Feuer ist der Ausdruck der allmählich ausgereizten Überspitzung unseres Wirtschaftssystems! Die Pervertierung eines Systems, das einzig noch durch den ungebrochenen und zeitgleich vollkommen unnötigen Glauben der Menschen an eben dieses, weiterexistiert!

Und eben weil wir es ganz alleine, jeder für sich und wir alle gemeinsam, glauben, liegt es auch nur an uns allen, zumindest diese jetzige Krise zu überwinden! Niemand außer uns selbst wird und kann uns hieran hindern, kein Mensch und niemand sonst, außer unserem unbegründeten und groteskem Glauben an die Überlegenheit eines kapitalistischen Marktsystems, dass heute nicht das erste Mal seine Strukturschwächen offenbart! Es liegt nur an uns, auch dieses Mal diese Schwächen zu überstehen und vielleicht, ja vielleicht, auch endlich und endgültig damit zu beginnen, diesen ganzen Marktkapitalismus zu überwinden!

Leider ist es für die meisten von uns nicht so leicht, von diesem Glauben, in dem wir sozialisiert worden sind, abzufallen, Jahre der Konditionierung müssten einfach überwinden oder gar in Frage gestellt werden! Wir müssten unsere Wertevorstellungen neu überdenken, unsere Leben aus anderen Perspektiven betrachten! Wir machen seit Generationen einen gewaltigen Fehler, der leider nur sehr schwer zu korrigieren ist; Wir denken, dass Demokratie und Kapitalismus eng miteinander verzahnt sind, ja, dass sie sogar untrennbar voneinander wären! Die Gründe hierfür sind mannigfaltig und ihre Folgen nicht nur in Europa zu finden, wir sind auf diesen unseren Trugschluss ja auch noch so stolz, dass wir anderen Lebensentwürfen demokratische Staatsstrukturen aufzwingen wenn sie mit uns handeln wollen und andere dazu zwingen mit uns zu handeln um ihre repressiven Staatssysteme zu überwinden!

Und nun ist die Perversion des Marktes so weit fortgeschritten, dass er im Inbegriff ist, die ihm scheinbar so nahe stehende Demokratie zu zerstören, sukzessive aber stetig zu zerstören! Und zwar nicht allegorisch sondern buchstäblich!

Als jüngstes Beispiel sei nur einmal der ESM-Gesetzesentwurf angeführt: Auf plakative und teils polemische Worte heruntergebrochen, ermöglicht er den Einsatz von Volkseigentum zur Aufrechterhaltung eines infunktionalen Systems, und zwar nicht nur in der das Volk umschließenden Nation selbst, sondern innerhalb eines Finanzbundes mit ganz anderen Völkern und somit teils anderen Ideen von Nation und Gesellschaft. Dies ist an sich noch nicht das wirklich problematische, ganz im Gegenteil, das eigentlich verwerfliche ist nur, dass dies ohne direkte demokratische Legitimation erfolgen kann, sondern schon durch eine Ansammlung von Stellvertretern eben ohne direkte demokratische Legitimation erfolgen kann!

Ein vielleicht nur hierfür installierter, seniler und weltfremder Bundespräsident sollte dieses Gesetz während der noch laufenden Fußball-Europa-Meisterschaft unterzeichnen nachdem die Parlamente dieses verabschiedet hätten. Dieser Plan wurde glücklicherweise durch einige wirkliche Volksvertreter mithilfe des Anrufens des Bundesverfassungsgericht vorläufig verschoben. So weit, so politisch, und wie gesagt plakativ formuliert.

Das wirklich schlimme sind doch in die dieser Tage und Nächte in Schwarz-Rot-Gold gehüllten und gefärbten Deutschen, die tanzen und lachen und trinken und jubeln weil irgendeine Fußballmannschaft gegen eine andere gewonnen hat, während um sie herum all das passiert. Sie trinken und tanzen auf Boden, der ihnen währenddessen unter den betäubten Füßen weggezogen wird, sie tanzen bis nur noch verbrannte Erde übrig ist und wissen dann gar nicht, was passiert ist!

Dieses Volk beweist gerade im Moment, dass es nicht nur aus Invaliden besteht, dass sie noch wissen, wie die Farben ihrer demokratischen Nation im grauen und unbekannten Banken-Europa aussehen und neben all ihren lebens- und systemerhaltenden Maßnahmen noch genügend Zeit und Kraft besitzen, um auf die Straßen zu gehen! „Vater, wo warst du damals als uns die Demokratie genommen wurde?“ – „Auf der Straße, mein Kind, betrunken und tanzend unter Tausenden auf der Straße…“

Ich erwarte nichts, denn schließlich ist Courage keine einklagbare Größe!

Aufklärung und die Wahrung der nach dem Grundgesetz festgeschriebenen Demokratie allerdings schon!

Und auch zu Mut ist niemand verpflichtet, nicht einmal ich selbst! Zu Ehrlichkeit sollte es wohl aber eine Pflicht geben, zu Ehrlichkeit gegenüber dem Volk, gegenüber sich selbst!

Nur um sich wenigstens darüber im Klaren zu sein, was mit uns passiert…