Horizontsgezeiten

Horizontsgezeiten
Gelegenheit, erdachte Flügel auszubreiten,
zu spannen, bis an die Grenzen dieser Stille,
Reicht für einen letzten Nachtflug noch
allein der Rest an Wille
hier am Rand des nächsten Tages.

Ist ein Boden voller Poesie
auf abgetretenen Blättern
Anlauf mir genug
werden diese Wörterfetzen mir
doch noch zu Rettern?

kann Leere füllen
was sie hervorrief
mich noch verletzen
was so lange schlief
wovor ich so lang weglief
denn für Heldentaten
war ja nie das rechte Wetter

Bis zum Untergang der Sonne
Träume ich alte Lieder
Vom Gefühl, Erinnern zu verlernen
mit zu viel Regen im Gefieder
und dem dunklen Fleck im Nichts:

Ein Ort zwischen den Sternen.
Bis hierhin alles Vorgeschichte
von Musen, Fernweh
Scherbensammeln und Flügelweiten,
Horizontsgezeiten
Bis ich am Rand des nächsten Tags steh

 

letztes Jahr

Doch letztes Jahr
war es da nicht
noch hell um diese Zeit?
War nicht ohnehin
alles ganz anders
trotz des Schnees
schon weit und breit?
Schlugen die Uhren nicht
viel lauter
und unnachgiebig
war Zukunft nicht viel weiter
und wo war eigentlich ich?

Denn letztes Jahr
da war es doch
auch schon viel zu kalt?
Oder werden diese
Knochen doch
bereits bald alt?
Schlugen unsre Herzen
nicht viel leiser
unberechenbar
klang die Zukunft denn
viel ausgereifter
als in diesem Jahr?

Geruch von Flieder

Und die Jahre zwischen dir und mir.
Hier verringern sie sich wieder, unnachgeblich
Im Glanz des Mauerparks:
Gebrochene Erinnerung gelebter Träume
spiegelt sich im matten Glanz der Lieder,
schichtet sich auf ein paar Stunden,
unbesungene Momente noch im blassen Flieder,
gleich wie Staub zersprengter Welten.

Wozu Worte immer noch zu milde bleiben,
lassen keinen Raum für alte Fragen
denn bei all den trennend Orten:
Was verändern da und dort Sekunden,
die sich ziehen lassen bis Unendlich,
um dann endlich eine Träne doch zu schlucken,
doch zu sehen, dass Zeiten noch vergehen
und Raum sich ändert, unerlässlich,
Wände wachsen, unbestechlich,
Erinnerungen fortbestehen im Lauf der großen Welt.
Noch wenn nichts mehr zu erinnern übrig bleibt
man sich trotzdem genau hieran immer festhält.

In frühen Jahren

Suche nur nach meinen Worten:

Nach der alten Sprache, meiner letzten,

Wühlen durch Erinnerungsfetzen

an längst verlebten Orten.

Fühle noch das alte Herz;

in meiner alten Brust den alten Rhythmus schlagen

und mich, wie in diesen letzten Tagen

               und schon wieder wird es März…

 

Oder eben grad ein and´rer Monat, meinetwegen:

Profane Reime (allenthalben) wieder wagen,

Herz auf Schmerz, ganz wie in den frühen Jahren

als wären die Momente nie real gewesen.

Die zwischen uns         zwischen mir;

und die inzwischen zwischen allem stehen,

die wir, doch heute, längst nicht mehr verstehen

Doch waren´s Worte nur. Wir. Heute. Hier.

 

Hier, nur in den frühen Jahren.

Heute, nur wir selbst geblieben.

Worte bleiben auf den Zungen liegen,

sind auch nicht mehr was sie einst waren.

Spüre noch das alte Herz;

das alte Ich; das alte Hirn; das alte Leben

in einer schön´ren Zukunft, gerade eben:

            Das Versprechen, nur ein schlechter Scherz!

 

 

Soll ich also nur noch trauern, heute,

und Atemzug um Zug an damals denken?

Die Gedanken an ein früher nur verschwenden,

denn tatsächlich, ich vermiss die Leute.

Das ist nun dieses Leben, bis hierher;

man lebt, man stirbt; hat sich genähert und entfernt

Und mit der ganzen Zeit Vermissen nur gelernt

Was bleibt? Auf eine Art bleibt es für immer schwer…